Patienten

Behandlung mit Medizinalcannabis

Grundprinzipien der Cannabistherapie

Jede Therapie mit Medizinalcannabis ist hochindividuell und muss zunächst vom behandelnden Arzt gemeinsam mit dem Patienten erarbeitet werden. Das heißt, dass die erforderliche und korrekte Dosierung sowie die beste Darreichungsform erst gefunden werden muss. Dies kann Wochen oder sogar Monate dauern.

Grundsätzlich gilt dabei das Prinzip: „Start low, go slow, keep low but treat to target“. Das bedeutet, dass man stets mit einer sehr niedrigen Dosis beginnt und diese langsam und schrittweise erhöht, bis man das Therapieziel erreicht hat. Letztendlich sollte jedoch die niedrigste wirksame Dosis beibehalten werden, um Nebenwirkungen zu minimieren. Dieser Ansatz zielt darauf ab, eine optimale Balance zwischen Wirksamkeit und Verträglichkeit zu finden.

Dosierung und Anwendung

Hinweis: Die Auswahl des geeigneten Medizinalcannabis, die Dosierung und die Anwendungsform werden vom behandelnden Arzt in Absprache mit dem Patienten festgelegt.

Aufnahmeformen

Medizinalcannabis wird entweder inhaliert oder oral aufgenommen. Die geeignete Einnahmeform hängt unter anderem von der Indikation, der körperlichen Verfassung des Patienten und ggf. von Begleiterkrankungen ab. In einzelnen Fällen kann auch eine Kombination von inhalativer und oraler Einnahmeform sinnvoll sein.

Es muss beachtet werden, dass orale und inhalative Applikationsformen sich in der Zeit bis zum Wirkeintritt sowie der Wirkdauer unterscheiden.

Wirkeintritt und Wirkdauer

Durch Inhalation verabreichte Cannabisblüten verfügen über einen schnellen Wirkeintritt. Bereits nach 3–10 Minuten kann es zu einer Symptomlinderung kommen, die ca. 2–4 Stunden anhält. Blüten eignen sich somit z. B. gut für eine Akuttherapie.

Bei oral eingenommenen Cannabisextrakten und Dronabinol-Präparate dauert es in 1–3 Stunden, bis es zu einem Wirkeintritt kommt. Die Symptomlinderung kann bis zu 6 oder 8 Stunden anhalten. Der Wirkeintritt ist auch vom Füllgrad des Magens abhängig: Je voller dieser ist, desto langsamer tritt eine Symptomlinderung ein. Ob die Einnahme vor oder nach dem Essen erfolgt, ist nicht von Bedeutung. Man sollte das Arzneimittel nur jeweils zum gleichen Zeitpunkt einzunehmen, um Schwankungen beim Wirkeintritt zu vermeiden und somit die individuelle Dosiseinstellung zu erleichtern.

Korrekte Anwendung

Die orale Einnahme von Cannabisextrakten oder Dronabinol-Arzneimitteln erfolgt i. d. R. über Tropfen oder Kapseln und ist somit einfacher als die inhalative Anwendung von Cannabisblüten.

Es kann bei Tropfen oder Kapseln sinnvoll sein – zur besseren Aufnahme (Cannabinoide sind lipophil) und als Geschmackskorrigens (leicht bitterer Geschmack) – die Einnahme mit fetthaltigen Lebensmitteln zu kombinieren, wie z. B. Sahne oder Butterbrot.

Soll die Anwendung inhalativ erfolgen, muss die korrekte Bedienung eines Vaporisators erlernt werden. Dabei kann die Apotheke helfen. Die Blüten für die Anwendung können entweder unzerkleinert oder von der Apotheke zerkleinert und gesiebt abgegeben werden. Die Abgabe kann vorportioniert in kindersicheren Behältnissen (z. B. Papierbriefchen gemeinsam in einem Gefäß) erfolgen oder unportioniert mit einer Dosierhilfe.

Hinweis: Eine Selbstwägung zu Hause sollte nur erfolgen, wenn Patienten über eine geeignete Feinwaage verfügen. Für eine Inhalation werden häufig ca. 100 mg Cannabisblüten benötigt, die tatsächliche Menge ist aber individuell und wird von dem verordnenden Arzt bestimmt.

Vaporisatoren

Bei der Inhalation mittels Vaporisatoren wird kein zusätzlicher Tabak benötigt. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Verdampfungstemperatur einstellbar und somit gleichbleibend ist. Auf dem Markt gibt es stationäre bzw. Tisch-Vaporisatoren und tragbare bzw. mobile Vaporisatoren. Die Preise schwanken je nach Modell zwischen 200–400 Euro für die tragbaren und 400–600 Euro für die stationären Modelle. Vaporisatoren können als Hilfsmittel vom Arzt verordnet werden. In der Regel ist eine vorherige Genehmigung der Krankenkasse erforderlich.

Beispiele:

  • Volcano Medic 2 (PZN: 15885501): Tisch-Vaporisator, der sich mit einem Ventilballon oder Schlauch verwenden lässt. Geeignet zur Verdampfung von getrockneten Cannabisblüten und Dronabinol.
  • Mighty + Medic (PZN: 16616803): Tragbarer Vaporisator, der eine Inhalation auch unterwegs ermöglicht. Nur zur Verneblung von getrockneten Cannabisblüten geeignet.

Das Wichtigste in Kürze zur Anwendung von Vaporisatoren:

  • Vor der Erstanwendung Akkus vollständig laden (gilt für mobile Geräte)
  • Füllkammer mit zerkleinerten Blüten bestücken (Dosierungsschema des Arztes beachten)
  • Auf eine voreingestellte Temperatur von ca. 180 °C hochheizen
  • Ist die Temperatur erreicht, kann der Dampf eingeatmet werden
  • Bei stationären Vaporisatoren erfolgt das Einatmen über ein Luftbeutel/Ballon, welcher mit dem Gas gefüllt ist oder alternativ über einen Mundschlauch; bei der Verwendung des Ballons sollte der Inhalt innerhalb von 10 Minuten nach Befüllung inhaliert werden
  • Bei mobilen Vaporisatoren erfolgt das Einatmen über ein integriertes Mundstück
  • Bei nachlassenden Dämpfen schrittweise die Temperatur bis auf 210 °C erhöhen
  • Wenn bei 210 °C keine Dämpfe mehr aufkommen, sind die Blüten verbraucht und die Inhalation beendet
  • Einmal in der Woche wird eine Gerätereinigung empfohlen (Reinigungs- und Pflegehinweise beachten)

Tipp: Auf YouTube findet man Videos zur korrekten Anwendung der Vaporisatoren, z. B.:

Cannabis rauchen, Tee- und Kekszubereitung

Grundsätzlich ist das Rauchen von getrockneten Cannabisblüten (zusammen mit Tabak) möglich, aber aus gesundheitlichen Gründen nicht empfehlenswert, da beim Rauchen schädliche Verbrennungsprodukte entstehen. Daher ist für eine inhalative Anwendung die Inhalation mittels Vaporisator zu bevorzugen.

Eine weitere Option besteht in der Teezubereitung. Diese ist jedoch aufwendiger und anfällig für potenzielle Fehler. Bei der Herstellung der Teezubereitung handelt es sich um einen standardmäßigen Ansatz von 0,5 g Droge auf 0,5 l Wasser, der über 15 Minuten sieden muss. Die Ausbeute an THC beträgt etwa 10 mg/l. Dies erklärt sich durch die begrenzte Wasserlöslichkeit der Cannabinoide und die bei 100 °C nur langsam verlaufenden Decarboxylierungsreaktionen. Daher sollte Medizinalcannabis möglichst nicht als Tee zubereitet und eingenommen werden. Soll die Anwendung dennoch als Teezubereitung erfolgen, dann ist die Tasse Tee am besten warm zu trinken und etwas Sahne hinzuzufügen, damit sich die lipophilen Cannabinoide besser im Getränk lösen. Die Ausbeute lässt sich durch eine längere Kochzeit vergrößern, bei 30 Minuten erhöht sie sich um ca. das Eineinhalbfache.

Auch das Einbacken in Keksteig kann aus Gründen der Arzneimitteltherapiesicherheit nicht empfohlen werden, denn die Dosis pro Anwendung kann nicht sicher reproduziert werden.

Fertigarzneimittel

Bezüglich der Fertigarzneimittel Sativex®, Canemes® und Epidyolex® sowie der Importarzneimittel Marinol® und Syndros® verweisen wir auf die jeweiligen Fachinformationen.

>> Zur Fachinformation Sativex®

>> Zur Fachinformation Canemes®

>> Zur Fachinformation Epidyolex®

>> Zur Fachinformation Marinol®

>> Zur Fachinformation Syndros®

Häufige Nebenwirkungen

Insbesondere zu Therapiebeginn können Nebenwirkungen auftreten, die bei Frauen in der Regel häufiger auftreten als bei Männern. In den meisten Fällen handelt es sich um Schwindel, Benommenheit bzw. Müdigkeit, Mundtrockenheit, Konzentrations-/Gedächtnisstörungen, Übelkeit und/oder Durchfall. Sollte der Patient eine oder mehrere dieser Nebenwirkungen bei sich feststellen, ist es ratsam, umgehend den behandelnden Arzt zu konsultieren, um eine Anpassung der Dosierung und/oder Darreichungsform zu besprechen. Gegebenenfalls kann auch ein Wechsel zu einem Präparat mit einem anderen THC- und/oder CBD-Gehalt erforderlich sein.

Hinweis: Diese Nebenwirkungen müssen jedoch nicht zwangsläufig zu einem Abbruch der Therapie führen.

Mögliche Wechselwirkungen

Da es sich bei Cannabis um ein Wirkstoffgemisch handelt und nicht um einen chemisch definierten Einzelwirkstoff, sind die möglichen Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln, Lebensmitteln und Genussmitteln vielfältig. Medizinalcannabis kann beispielsweise zu einem Wirkungsverlust, einer Wirkungsverstärkung oder auch zu Überdosierungen führen. Eine ausführliche Beratung zu möglichen Wechselwirkungen mit dem behandelnden Arzt oder in der Apotheke ist daher unerlässlich.

Wechselwirkungen mit u. a. folgenden Substanzklassen bzw. Wirkstoffen können auftreten:

  • Alkohol
  • Amiodaron
  • Antidepressiva
  • Antimykotika
  • Antispastika
  • Benzodiazepinen
  • Chemotherapeutika
  • Cotrimoxazol
  • direkte orale Antikoagulanzien (DOAK, z. B. Apixaban, Dabigatran und Rivaroxaban)
  • Fluconazol
  • Fluoxetin
  • Hypnotika
  • Immunsuppressiva
  • Itraconazol
  • Ketoconazol
  • Makrolidantibiotika
  • Prodrugs (z. B. Clopidogrel)
  • Ritonavir
  • Sedativa
  • Verapamil
  • Vitamin-K-Antagonisten (Phenprocoumon)

Hinweis: Es ist derzeit aufgrund der begrenzten Studienlage schwierig zu bestimmen, welche dieser Wechselwirkungen tatsächlich klinisch relevant sind.

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